Gedächtnis und Wahrnehmung im Motorischen Lernen
29 cardsZusammenfassung des Kursmaterials zu Gedächtnis und Wahrnehmung für das Modul Motorisches Lernen in der Physiotherapie, inklusive Definitionen, Beispielen und Lernstrategien.
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Hier sind die zusammenfassenden Notizen zum Thema "Gedächtnis und Wahrnehmung" im Kontext des motorischen Lernens:
Gedächtnis und Wahrnehmung im motorischen Lernen
Dieses Modul beleuchtet die entscheidende Rolle von Gedächtnis und Wahrnehmung für das motorische Lernen und die Bewegungsspeicherung. Es erklärt, wie unser Gehirn Bewegungen lernt, speichert und abruft, und wie diese Prozesse therapeutisch beeinflusst werden können.
1. Motorisches Lernen: Definition und Bedeutung
Lernen bedeutet, sich (irgendwann mal) an etwas erinnern zu können. Im Kontext der Bewegung ist Bewegungslernen die Fähigkeit, sich in der passenden Situation an die geeignete Verhaltensweise zu erinnern und die zugehörige Bewegung durchzuführen.
Dies ist für die Physiotherapie von zentraler Bedeutung, da Patienten neue Bewegungsmuster erlernen oder alte wiederherstellen müssen.
2. Das Gedächtnis: Grundlagen
Das Gedächtnis ist das Potential eines Organismus, potentiell gefährdende Situationen und Reize schon vor deren Auftreten zu vermeiden und potentiell nützliche Situationen aufzusuchen.
Vergessen: Der Verlust von gespeicherten Informationen.
Erinnern: Der Abruf von gespeicherten Informationen.
Lernen und Gedächtnis können als Konditionierung (Verhaltensgedächtnis, z.B. Reflexe) oder als kognitiver Prozess (Wissensgedächtnis, z.B. das Erlernen einer komplexen Bewegungsabfolge) verstanden werden.
2.1. Gedächtnissysteme
Das Gedächtnis wird in verschiedene Systeme unterteilt:
Kurzzeitgedächtnis (KZG):
Speichert Informationen für Sekunden bis Minuten.
Kann ungefähr fünf bis neun Einheiten gleichzeitig speichern (z.B. eine kurze Bewegungsanweisung).
Langzeitgedächtnis (LZG):
Speichert Informationen über Jahre.
Die Gedächtniskonsolidierung ist der Prozess der Überführung vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis. Dies geschieht oft nachts oder über längere Zeiträume und ist gleichbedeutend mit "Lernen".
2.2. Langzeitgedächtnissysteme im Detail
Das Langzeitgedächtnis ist komplex und umfasst mehrere Subsysteme:
Prozedurales Gedächtnis | Priming (Bahnung) | Perzeptuelles Gedächtnis | Wissen (Semantisches Gedächtnis) | Episodisch-autobiographisches Gedächtnis | |
Beschreibung | Mechanische, auf das motorische System bezogene Fertigkeiten (z.B. Fahrradfahren, Gehen). | Höhere Wiedererkennenswahrscheinlichkeit für in gleicher/ähnlicher Weise wahrgenommene Reize. | Wiedererkennen von Reizen aufgrund von Bekanntheitsurteilen (z.B. ein bekanntes Gesicht). | Auf die Gegenwart bezogenes System, kontextfreie Fakten (z.B. H2O = Wasser, Berlin = Hauptstadt). | Schnittmenge aus subjektiver Zeit, autonoetischem Bewusstsein und sich erfahrendem Selbst (z.B. das erste Treffen, ein Unfall). |
Relevante Hirnstrukturen (Einspeichern) | Basalganglien, prämotorische Cortexareale | Primärer und Assoziationskortex | Posteriorer sensorischer Cortex | PFC, limbische Strukturen | Limbisches System, PFC |
Relevante Hirnstrukturen (Konsolidieren/Lagern) | Basalganglien, prämotorische Cortexareale | Primärer und Assoziationskortex | Posteriorer sensorischer Cortex | Zerebraler Cortex (hptsl. Assoziationsgebiete) | Zerebraler Cortex (hptsl. Assoziationsgebiete), limbische Regionen |
Relevante Hirnstrukturen (Abrufen) | Basalganglien, prämotorische Cortexareale | Primärer und Assoziationskortex | Posteriorer sensorischer Cortex | Frontotemporaler Cortex (links) („Sprache") | Frontotemporaler Cortex (rechts), limbische Regionen |
Wichtig für die Prüfung: Das prozedurale Gedächtnis ist für motorisches Lernen besonders relevant, da es die Speicherung von Bewegungsfertigkeiten ermöglicht. Es ist ein implizites Gedächtnis, d.h., wir können die gespeicherten Bewegungen ausführen, ohne bewusst darüber nachzudenken, wie wir sie gelernt haben (z.B. Gehen).
Die anderen Systeme (Priming, Perzeptuelles, Semantisches, Episodisches) sind explizite Gedächtnissysteme, die bewusst abgerufen werden können.
3. Bewegungsspeicherung: Wie lernt das Gehirn Bewegungen?
Durch Wiederholung von Reizen, mit emotionaler Bewertung, durch hohe Reizintensität und in funktionell ökonomischer Durchführung, unter Einbindung der hippocampalen Formation und der Basalganglien, entsteht ein optimales Bewegungsprogramm für ein bestimmtes Handlungsziel.
Beispiel: Ein Patient lernt, nach einem Schlaganfall wieder zu gehen. Jede Wiederholung der Gehbewegung, besonders wenn sie erfolgreich ist (positive emotionale Bewertung), intensiviert die neuronalen Verbindungen. Die Basalganglien sind hierbei entscheidend für die Automatisierung der Bewegung.
4. Kontextuelle Integration und Lernstrategien
Um das Lernen zu stimulieren, sind verschiedene Faktoren wichtig:
Kontextualisierung/Assoziationen: Sinnhaftigkeit bindet das Stirnhirn ein.
Beispiel: Eine Übung im Kontext einer Alltagsaufgabe (z.B. eine Tasse greifen) ist effektiver als eine isolierte Bewegung.Emotionale Reize: Aktivieren die Amygdala.
Beispiel: Erfolgserlebnisse oder motivierende Worte des Therapeuten.Neue Reize: Neuigkeitswert stimuliert Amygdala und Hippocampus.
Beispiel: Variationen in der Übungsausführung oder neue Umgebungen.Koreize: Aktivieren das ARAS (Aufsteigendes Retikuläres Aktivierungssystem), z.B. ein lautes Klatschen zur Aufmerksamkeitssteigerung.
Wiederholung: Festigt die neuronalen Verbindungen.
Diese Faktoren führen zu einer "Intensivierung des (zu erinnernden) Lernreizes".
4.1. Clustering und Chunking
Dies sind wichtige Strategien, um Informationen effizient zu speichern und abzurufen.
Clustering (Speichern):
Gedächtnisinhalte, die erinnert werden können, werden in Gruppen mit ähnlicher Bedeutung unterteilt.
Im Kurzzeitgedächtnis: Hilfsmittel, um eine große Zahl von Informationen zu erlernen (z.B. Zusammenfassen von Sinneseindrücken).
Im Langzeitgedächtnis: Unter einem Item sind viele verschiedene Gedächtnisinhalte versammelt, die gemeinsam abgerufen werden (Ökonomisierung).
Beispiel: Statt sich einzelne Muskeln zu merken, die an einer Bewegung beteiligt sind, fasst man sie als "Muskeln für die Kniebeuge" zusammen.Chunking (Abruf):
Zusammenfassen von Einzelinformationen zu größeren, bedeutungsvollen Einheiten (Chunks).
Ermöglicht den effizienten Abruf komplexer Informationen.
Beispiel: Die komplexe Abfolge "1 Nach der Tasse greifen; 2 Die Tasse ergreifen; ... 10 Die Tasse loslassen!" wird zu einem einzigen "Chunk": "Schluck Kaffee trinken!". Dies ist ein Basic Action Concept (BAC).
Basic Action Concepts (BACs) sind perzeptuell-kognitive Zusammenfassungen von Objekten und Bewegungsereignissen hinsichtlich gemeinsamer Funktionen bei der Realisierung von Handlungszielen. Sie beruhen auf "wahrnehmungsgebundenen Invarianzeigenschaften" von Bewegungen.
5. Neuroplastizität: Die Anpassungsfähigkeit des Nervensystems
Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Nervensystems, sich an neue Bedingungen anzupassen. Sie ist die Grundlage für Lernen und Erholung nach Verletzungen.
5.1. Organische und Funktionelle Neuroplastizität
Organische Neuroplastizität (Reparieren):
Gliazellen dichten entstandene Schäden ab (Astrozyten).
Nachwachsen von Nervenfasern (Schwannsche Zellen umhüllen Axon – Axon wächst nach). Dies ist im PNS effektiver als im ZNS.
Sprouting: Neuwachstum von Faserverbindungen (intraregionale Reorganisation) durch Wachstum von Spines und Fasern.
Beispiel: Nach einer Nervenverletzung im Arm können Nervenfasern nachwachsen und die Verbindung zum Muskel wiederherstellen.Funktionelle Neuroplastizität (Reorganisieren):
Corticale Reorganisation:
Benachbarte Regionen übernehmen "verwandte" Aufgaben.
Entfernte Regionen übernehmen "fremde" Aufgaben.
Vorgeschaltete Areale reifen funktionell ("sekundäre Felder übernehmen Funktion von primären Feldern").
Beispiel: Nach einem Schlaganfall, der das Sprachzentrum auf der linken Seite schädigt, kann die rechte Gehirnhälfte die Sprachfunktion teilweise übernehmen (Vikariation).Spinale Reorganisation: Neuverknüpfung von Motorzellen im Vorderhorn im Rückenmark.
Vikariation: Übernahme einer Funktion durch ein anderes Hirnareal.
Diaschisis: Wiedererlangen von Funktionen durch "Wiederherstellung" der metabolischen Situation und des Aktivitätsgleichgewichts der Neuronenverbände.
Redundanz ("Unmasking"): Vorher nicht aktive Verbindungen werden im selben Areal wiederaufgeweckt.
Wichtig für die Prüfung: Die kortikale Reorganisation zeigt, wie sich die Repräsentation von Körperteilen im Gehirn anpasst, z.B. nach Amputationen oder intensivem Training.
5.2. Long Term Potentiation (LTP)
Die Long Term Potentiation (LTP) ist ein zellulärer Mechanismus der Neuroplastizität, der als Grundlage für Lernen und Gedächtnis gilt. Sie beschreibt eine langanhaltende Steigerung der Effizienz der synaptischen Übertragung zwischen Neuronen. Wenn zwei Neuronen wiederholt gleichzeitig aktiv sind, verstärkt sich ihre Verbindung, was das Lernen und die Speicherung von Informationen ermöglicht.
Der Papez-Neuronenkreis, der den Hippocampus, die Corpora mamillaria, den Thalamus und den Gyrus cinguli umfasst, ist ein wichtiger Schaltkreis im limbischen System, der für die Gedächtnisbildung, insbesondere für das deklarative Gedächtnis, von Bedeutung ist.
6. Fazit und Schlüsselpunkte für die Prüfung
Motorisches Lernen ist die Fähigkeit, sich an geeignete Bewegungen zu erinnern und diese auszuführen.
Das Gedächtnis ist in Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis unterteilt, wobei die Gedächtniskonsolidierung der Übergang vom KZG zum LZG ist.
Das prozedurale Gedächtnis ist für motorische Fertigkeiten entscheidend und ein implizites Gedächtnissystem.
Lernstimulation erfolgt durch Kontextualisierung, Emotionen, neue Reize, Koreize und Wiederholung.
Clustering und Chunking sind Strategien zur effizienten Speicherung und zum Abruf von Bewegungsinformationen (Basic Action Concepts).
Neuroplastizität ist die Anpassungsfähigkeit des Gehirns und die Grundlage für Lernen und Rehabilitation.
Unterscheide zwischen organischer Plastizität (Reparatur, Sprouting) und funktioneller Plastizität (Reorganisation, Vikariation, Diaschisis, Unmasking).
Die kortikale Reorganisation zeigt, wie sich Hirnareale anpassen und Funktionen übernehmen können.
LTP ist der zelluläre Mechanismus der synaptischen Verstärkung, der dem Lernen zugrunde liegt.
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